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Philippinen, Luzon Island, Sierra Madre, 1997

Auf der Suche nach der grössten Kleinlibelle der Philippinen: Heterophaea barbata

Tagebuchnotizen von Roland Müller

Die Bilder sind, wenn nicht anderes vermerkt, von Roland Müller


Expeditionsteilnehmer:

Roland und Anna-Maija Müller-Kaltula, St.Gallen, Schweiz
Adrian Gorostiza, Manila, Philippinen
Alex Buenafe, Bacolod, Negros, Philippinen
Celso M. Nazareno, Pampanga, Philippinen
und einige Träger und Helfer an Ort und Stelle


Wenn Sie die kleinen Bilder anklicken, öffnet sich eine Vergrösserung mit der Legende


Diese Libellenart wurde 1902 von M. René Martin nach einem einzelnen Männchen als Paraphaea barbata beschrieben. 1930 wurde die wahrscheinlich gleiche Art von Fritz Ris als Paraphaea ruficollis (Typus im Senckenbergmuseum, Frankfurt) beschrieben, nochmals nach einem einzelnen Exemplar. Dieses letztere ist wahrscheinlich ein Synonym von P. barbata. Der Typus von P. barbata soll sich in Paris befinden, konnte aber bis jetzt nicht aufgefunden werden, sodass der Status bis heute nicht klar ist. Seither hat man nichts mehr über diese Art gehört.Auf jeden Fall waren mir keine weiteren Funde bekannt, bis ich von Theobaldo Borromeo einige Exemplare zugeschickt erhielt, die er in Maddela in der Quirino Province gesammelt hatte. Maddela liegt am Nordabhang der Sierra Madre und ist nicht so leicht zugänglich. So entschloss ich mich, bei Dinalungan, Aurora Province, das am Fusse des Südabhanges der Sierra Madre liegt, nach dieser Libellenart zu suchen. Celso M. Nazareno, den ich letztes Jahr kennen gelernt habe, kennt sich in der Gegend aus und hat mir beschrieben, dass bei Villa Aurora an der Passstrasse über die Sierra und bei Dinalungan an den Flanken des Mt Anaguao (1850 M. ü. Meer) noch prächtige Urwälder wachsen sollen. Also los in die mir unbekannte Gegend! Aber zuerst muss man ja auch dorthin gelangen. Ich möchte im folgenden schildern, wie eine solche „einfache“ Reise auf den Philippinen vor sich geht.

7. März

Um 11 20 Uhr verlässt der hoffnungslos überfüllte Linienbus nach Cabanatuan den Busterminal Manila. Es herrscht dichter Verkehr in den Strassen der Metropole und wir kommen nur langsam voran. Eingeklemmt zwischen Gepäck und den anderen Passagieren – die Sitze sind nicht für die grossen Ausländer bemessen – schwitzen wir der kommenden Reise entgegen. Etwas ausserhalb der Stadt wird der Verkehr glücklicherweise flüssiger. Der Bus hat keine Scheiben und so geniessen wir den lauwarmen Fahrtwind. Die offenen Löcher verlocken natürlich, den Kopf ins Freie zu stecken, aber die Einheimischen erliegen dieser Verlockung nicht. Wenn nämlich die vorn Sitzenden aus dem Fenster spucken, hat der Neugierige hinten die Ladung mitten im Gesicht. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir den Busterminal von Cabanatuan. Von diesem wichtigen Knotenpunkt aus werden die Dörfer und Städte im Norden mit Bussen und Jeepneys erschlossen. Wir schleppen unser Gepäck zum Platz gleich daneben, von wo aus die Jeepneys und kleinen Pickups operieren. Sie bedienen die kleinen Orte in den Bergen, wohin Busse wegen der prekären Strassen oft nicht fahren können. Es ist gar nicht so einfach, unter Dutzenden von Fahrzeugen das richtige nach Dinalungan über Baler zu finden. Unsere philippinischen Freunde haben aber bald einmal herausgefunden, welches das Richtige ist. Noch sind erst wenige Passagiere da. Wir verladen vorsorglich erst einmal unser Gepäck. Nun heisst es geduldig sein, denn der Fahrer wird erst starten, wenn das Auto voll ist. Es ist wirklich nicht das Schönste aller Gefühle, in dieser Nachmittagshitze zu warten. Schatten ist hier spärlich und in ein Restaurant können wir auch nicht, weil man ja nie weiss, wann der Wagen abfährt. Die Luft über dem Platz flimmert und allerlei Gerüche besuchen die Nase.Ein buntgemischter Duftschwall von faulenden Früchten, Fischen, Kot und Abgasen umschwebt uns in der absoluten Windstille. Andrerseits entbehrt das geschäftige Treiben auf so einem grossen Terminal auch nicht eines gewissen Reizes, zumal wir als die einzigen „Weissen“ schnell die Aufmerksamkeit der Einheimischen erwecken. Vieles und mehr wollen sie wissen, woher wir kommen, wohin wir gehen, Ziel und Zweck der Reise, ob wir Kinder haben. Nicht etwa aufdringlich sind sie, sondern freundlich und voller Neugier. Die einen bieten uns Bananen an, andere ein paar Erdnüsse. Liebenswürdig wirken die Kinder mit der ihnen eigenen, drolligen Naivität. Anfänglich etwas scheu hinter dem Rock der Mutter versteckt, wagen sie sich nach dem ersten gegenseitigen Anlachen hervor und staunen uns mit ihren runden, dunklen Augen an.

Um 18 00 Uhr geht die Sonne unter und der Jeepney ist endlich zum Bersten voll. Wir sitzen eingemauert zwischen Reis- und Gemüsesäcken, Schachteln und Taschen mit penetrant riechendem Trockenfisch. Der Zugang hinten wird bis oben mit Cola- und Cola- und Bierharassen verbarrikadiert. Auf dem Dach türmt sich ein Gepäckberg nebst mindestens vier Ersatzrädern – für alle Fälle. Auch die Fahrerkabine ist mit Passagieren besetzt, fünf Leute und der Fahrer zwängen sich auf engem Raum. Aussen auf den Trittbrettern, vorne und hinten, stehen die Fahrtbegleiter und klammern sich an die Haltestangen. Endlich, um 18 30 Uhr verlässt der Steuermann mit der vielfältigen Fracht Cabanatuan. Bereits nach wenigen Minuten bricht die Nacht herein. Noch ist die Fahrt relativ angenehm. Die Strasse über die Ebene ist bis Kalaan (Nueva Viscaya Province) asphaltiert. Hier beginnt die Naturstrasse über den Pass. Nach zwei Stunden pfeift es und der Wagen rumpelt bedenklich – Plattfuss. Also, Kisten vom Ausgang herunterholen und alle raus. Welche Wohltat, die Beine wieder einmal zu strecken! Geschickt wechseln die Begleiter und der Fahrer im Dunkel der Nacht das Rad. Nach 20 Minuten steigen wir wieder ein, die Harrasse werden wieder aufgeladen, unsere Füsse deponieren wir irgendwie zwischen den Reissäcken, die Phototasche packe ich auf die Knie. Dann setzen wir den Höllenritt über die Naturstrasse, die nur aus Löchern zu bestehen scheint, fort. Nun beginnt es auch noch zu regnen, darum schnell mit den Plastikfetzen die Seitenfenster verschliessen, bevor wir triefend nass sind. Jetzt wird es stickig und schwül-warm im Passagierraum. Die Kleinkinder schreien in den Armen ihrer Mütter, weil sie den Schlaf nicht finden. Nach 20 Minuten Schüttelbecheridylle wird es ruhig, die Leute dösen vor sich hin. Nur der Fahrer späht mit Adlerblick, oder besser gesagt mit Eulenblick durch den prasselnden Regen auf die von den schwachen Fahrzeuglichtern nur spärlich erleuchtete Fahrbahn, die jetzt einem Bachbett gleicht. Nach kurzer Zeit gibt auch noch der dürftige Scheibenwischer den Geist auf. Wahrscheinlich mit einer Art von siebtem Sinn lenkt der Fahrer den Wagen über die kurvenreiche Bergstrecke und weicht, fast schon elegant, den grössten Löchern aus. Ich ergebe mich dem Schicksal und döse vor mich hin. Gegen Mitternacht erreichen wir Villa Aurora, ein kleines Dorf am Pass auf etwa 500 Meter über Meer. Wir verpflegen uns und lockern Gelenke und Muskeln. Eine halbe Stunde nach Mitternacht treibt der Chauffeur seine Schäfchen wieder in den Wagen und weiter geht die Billigmassage. Über Dutzende von Haarnadelkurven führt die Strasse hinunter in die Ebene von Baler. Aber schon beim Dörfchen Ford lässt der nächste Pneu die Luft ab. Wieder die übliche Prozedur, Harrasse abladen und Radwechsel bei strömendem Regen. Es ist rabenschwarze Nacht, aber die Boys haben die Arbeit im Griff, trotz einer kläglichen Taschenlampe. Dann werden die Harrasse wieder aufgetürmt und weiter geht die Fahrt. Gegen halb vier Uhr wird der Besitzer einer Autoreparaturwerkstatt aus dem Schlaf getrommelt, um die defekten Pneus und Schläuche zu vulkanisieren. Einige Kilometer weiter wieder Plattfuss, wieder die übliche Prozedur und zurück zur Werkstatt. Abermals wird der gute Mann aus den Federn geholt. Er repariert den Pneu erneut, kein Fluchen oder Lästern ist zu hören, weder vom Fahrer noch von den Passagieren oder dem Vulkaniseur.

Noch vor Sonnenaufgang erreichen wir Baler und verpflegen uns erneut. Die Route biegt jetzt ab in nördliche Richtung und folgt mehr oder weniger der Ostküste von Nordluzon. Die Strasse wird immer schlechter und enger, hinauf über die Bergflanken, die steil zum Meer abfallen, und wieder steil hinunter ins nächste Tal. Spätestens jetzt, im beginnenden Tageslicht, können wir den Weg sehen. Da kriecht das schiere Grausen über den Rücken und am liebsten würde man die Augen schliessen. An senkrechten Abgründen vorbei, ohne sichernde Leitplanken oder Schutzzäune und nur jeepneybreit führt die Strasse hinauf und ebenso abschüssig wieder hinunter. In einer Kurve klebt ein total zusammengequetschter Kleinlaster an einem Felsen – Bremsversagen – Kurve verfehlt – nur noch Schrott – und zwei Tote, Pech gehabt, meint der Fahrbegleiter. Wir klammern uns an die Hoffnung, dass der Fahrer nicht einschläft und das Bremspedal nicht mit dem Gas verwechselt. Der sitzt jetzt seit bald 14 Stunden am Steuer. Nach einem weiteren Radwechsel erreichen wir um 9 Uhr vormittags, 8. März, heil und ganz unser Ziel – Poblacion Zone II in Dinalungan, direkt vor dem Haus unserer Gastgeber, Familie Marcello und Bernadette Dusayen. Mit grösster Herzlichkeit, wie wenn wir schon immer zur Familie gehörten, werden wir empfangen. Das Expeditionsgepäck ist kaum noch als solches zu erkennen. Staub- und Dreckschichten bedecken Ruck- und Packsäcke. Unsere Kleider und die Haut sind gepflastert, Haare und Bart von Schweiss, Regen, Hitze und Staub zusammengeklebt. Wie uns doch eine Dusche hinter dem Bretterverschlag im Garten der Gastgeber paradiesisch vorkommt! Nachdem wir unsere staubigen „Sünden“ abgeschrubbt haben, erwartet uns ein köstliches Mittagsmahl. Und was die lieben Leute alles aufgetischt haben – eine leckere Fischsuppe, Chicken an Kokosmilchsauce, frisches exotisches Gemüse und herrlich duftenden Reis. Huhn und Gemüse vom eigenen Hof und Garten. Dass eine glücklich im Hofe scharrende Henne wegen uns viel zu früh in die ewigen Jagdgründe abberufen wurde, tat uns ja schon ein bisschen leid. Nach dem exquisiten Essen, ohne künstliche Zusätze wie Knorr oder Maggi notabene, und einem Nachtisch mit frischen Ananas und Bananen – alles Natur pur, direkt vom Feldfühlen wir uns wie neugeboren. Nach ausgiebigen und angeregten Gesprächen über Familie, Arbeit und unsere Pläne müssen wir unser Gepäck für den Urwaldtrip sortieren und vorbereiten. Unsere philippinischen Freunde und Begleiter besorgten Lebensmittel, das heisst viel Reis, Trockenfisch, Konserven, Zwiebeln, Knoblauch, Gemüse, Kaffee, Zucker, Kondensmilch, Vorrat für einige Tage Urwaldscamp. Nach einem kleinen Abendimbiss und einigen kühlen Bierchen beziehen Anna-Maija und ich unser Nachtquartier. In grosszügiger Weise bieten uns die Gastgeber ihr schönes und sauberes Schlafzimmer an. Wie üblich das Bett ohne Matratze, nur eine Bastmatte als Unterlage, ein hartes Lager. Aber wie heisst es doch so schön: Harte Unterlage und leichte Decken, dann werden dich keine bösen Träume wecken. Eine Gratis-Abhärtungskur und ein kleiner Vorgeschmack auf das Campen im Wald!

Sonntag, 9. März

Tagwache 04 20 Uhr. Wer in einem philippinischen Dorf seine Nacht verbringt, braucht keinen Wecker. Die luftigen Häuser, ohne Scheiben in den Fenstern, machen es dem Schläfer leicht, jegliche Art von Sound zu geniessen. So werden wir schon gegen vier Uhr von intensivem Hundegebell, dem Krähen der Kampfhähne und dem schon geschäftigen Treiben der Einheimischen aufgeweckt. Mit knackenden Gelenken steigen wir von der hölzernen Unterlage. Ein paar Dehn- und Streckübungen fügen Skelett und Muskeln wieder in die ursprüngliche Lage. Alle sind sie schon munter, die Gastfamilie mit Kindern und unsere Begleiter. Auch das „Urwaldtaxi“ steht schon vor dem Haus: Ruhig und wiederkauend steht ein Carabao (Wasserbüffel) beim zweirädrigen Karren, auf dem bereits ein Grossteil des Gepäcks verladen ist. Noch prangen die Sterne in voller Leuchtkraft am wolkenlosen Himmel. Einige Grade über dem Horizont ist am nördlichen Nachthimmel ein grosser Komet zu sehen. Diese Erscheinung löst unter den Dorfbewohnern einiges Erstaunen und Diskussionen aus. Inzwischen hat sich das halbe Dorf um uns versammelt. Jeder will die weissen „Langnasen“ sehen und erfahren, was die Fremden beabsichtigen. Besucher aus Übersee sind in dieser abgelegenen Gegend aussergewöhnlich. Unter den neugierigen, kritischen Blicken der Zuschauer wird der Carabao-Karren fertig beladen und die Fuhre mit Seilen gesichert. Inzwischen ist der Tag in der für die Tropen üblichen Schnelligkeit angebrochen. Noch einige Fotos geschossen und los geht es um sieben Uhr Richtung Berge. Zügig wandern wir auf flachen Wegen zwischen Reis-und Gemüsefeldern, vorbei an einfachen Bambushütten und pflügenden Carabaos Es ist ein idyllisches Morgenbild, die weiten Reisfelder, die Bauernhäuser und im Hintergrund die Sierra Madre mit dem Mt Anaguao. Nach etwa 50 Minuten erreichen wir die Vorhügel der Sierra. Hier standen ehemals Tieflandurwälder. Heute sind die Hügel abgeholzt, mit Cogongras und Sekundärbusch überwachsen. Nur noch ein paar angebrannte Baumstummel stehen als stumme Zeugen in der Landschaft. Nach ständigem Auf und Ab erreichen wir gegen halb neun den Fuss der Sierra. Hier wird das Gepäck auf einen Carabao-Schlitten umgepackt. Der Wasserbüffel erhält seine ihm zustehende Rast und wird im nahen Bach von seinem Besitzer mit Wasser bespritzt. Wir füllen an einer frischen Quelle unsere Wasserflaschen und machen uns wieder auf den Pfad, der jetzt steil bergan führt, zuerst durch Sekundärwald. Dieser geht nach etwa 2 Stunden langsam in Primärwald über. Der schmale Weg wird jetzt noch steiler und führt über Dutzende von Bächen und Flüsschen, die wir zu durchwaten haben. Schweisstriefend erreichen wir um etwa 1 Uhr nachmittags das Camp der Buddha-Schnitzer. Auf einer Waldlichtung, einer Art Terrasse im steilen Bergwald steht ein bescheidener Unterstand mit Hängebetten. Die drei Schnitzer empfangen uns sehr freundlich. Wir sind für sie eine angenehme Abwechslung bei ihrer einsamen Arbeit abseits des Dorfes. Die drei Künstler schnitzen etwa fünf verschiede Buddha-Formen in unterschiedlichen Grössen. Das Holz, das sie verwenden, heisst Kamagong Baum (Dyospyros spec.), ein schönes braunes Holz mit einem dunkelbraunen Splint. Die Figuren werden einige Wochen oder Monate im Wetter liegen gelassen, damit sie verwittern und ein antikes Aussehen bekommen. Sie werden dann nach Thailand und Malaysia exportiert, wo sie den Touristen als antike Original-Antiquitäten angeboten werden.

Gegen 5 Uhr hören wir den Wasserbüffel den steilen Weg heraufschnaufen. Die letzten 30 Meter sind so steil, dass selbst der Carabao kapitulieren muss. Wir müssen das Gepäck noch vollends ins Camp schleppen. Jetzt aber behände das Zelt aufschlagen und uns häuslich einrichten, denn um etwa halb sieben Uhr wird es bereits dunkel sein. Etwa 10 Meter oberhalb des Schnitzercamps haben wir ein flaches Plätzchen im Schatten des Waldes gefunden, genau richtig, um das Zelt aufzustellen.

Schnell haben wir die Leuchteinrichtung aufgebaut. Mit einer Speziallampe, die durch einen 300 W Honda-Generator gespiesen wird, wollen wir die Vielfalt der Insekten erforschen. Marcello hat sofort nach seiner Ankunft mit seinen Helfern im Alebit River, der unmittelbar hinter dem Camp vorbeisprudelt, Fallen für die Süsswassergarnelen aufgestellt. Um etwa halb acht Uhr kontrolliert er sie und kommt mit einem Kessel Garnelen, einigen kleineren Aalen und weiteren, zum Teil bunten Fischen zurück.

Das ergibt ein delikates Urwaldmenue: Gebackene Süsswassergarnelen, Fische und Aal mit Gemüse an Kokosmilchsauce und frisch dampfendem Reis. Einige rote Bananen runden das Dinner ab. Dann schauen wir dem regen Treiben der Insekten zu, die unwiderstehlich vom Licht angelockt werden. Gewöhnliche Arten registrieren wir in Feldbücher, unbekannte Tiere werden zur nachträglichen Bestimmung mitgenommen. Leider ist der Anflug trotz der prächtigen Umgebung (fast unberührter Dipterocarp-Forest), nicht überwältigend. Trotzdem entdecken wir viel Neues und Unbekanntes. Vielleicht beeinträchtigt der kühle Fallwind etwas den Anflug. Der „Lichtfang“ ist auch eine Art gesellschaftlicher Anlass, wir plaudern über wichtigere und viele weniger wichtige Dinge. Rechtschaffen müde, verkriechen wir uns um 10 Uhr ins Zelt. Begleitet vom tausendstimmigen Konzert der Insekten, Frösche, Nachtvögel und dem leisen Rauschen des Baches, schlummern wir hinüber in den nächsten Tag.




Montag, 10. März

Tagwache 06 00 Uhr. Der Himmel ist bedeckt und um sieben Uhr beginnt es zu giessen, der Platzregen hört aber bereits nach einer Viertelstunde auf. Die Wolken ziehen rasch dahin und die Sonne strahlt durch die immer grösser werdenden Wolkenlücken.

Das Frühstück besteht aus Reis, Nudel- und Gemüsesuppe und Bananen. Ich versuche mit dem GPS eine Standortbestimmung. Die Lichtung ist aber zu klein, um mindestens drei Satelliten zu empfangen. Die Höhenangabe von 57 Meter ist sicher falsch. Der Höhenmeter, den ich auf Meereshöhe justiert hatte, zeigt 800 Meter an.

Alex, Adrian und Celso folgen Schluchten und ihren Bächen. Auch Anna-Maija und ich ziehen mit der Kamera los, um die Gegend zu erkunden. Die Bäche sind steil und steinig, es kostet einige Mühe, ihrem Lauf zu folgen. Im dichten Urwald hängen prachtvolle, türkisfarbene Blütenbüschel, die an lianenartigen Zweigen hängen. Es handelt sich um eine Pflanze, die endemisch, das heisst, nur in den philippinischen Urwäldern wächst. Die Einheimischen nennen sie Sabawil und sagen mir, dass der Saft der Pflanze giftig sei.

Der wissenschaftliche Name ist Strongylodon macrobotrys.

Die Libellenfauna ist sehr vielfältig und ich kann einige Aufnahmen machen. Nur die von mir so heiss gesuchte Heterophaea ist nicht zu finden, obwohl ich verschiedene Biotope abgesucht habe. Die Kleinlibellen (Zygoptera) sind im Waldesdunkel sehr schwierig zu entdecken, das Scharfeinstellen mit der Kamera auf die kleinen Tiere nicht einfach. Meist ist es fast unmöglich, im Dickicht genügend nahe ans Objekt zu gelangen. Die leiseste Berührung von Zweigen lässt die Libellen sofort flüchten.

Marcello hat in der Zwischenzeit mit der Steinschleuder zwei Fruchttauben (Ptilinopus merilli faustinoi) und einen wunderhübschen Irena-Vogel (Irena cyanogaster) geschossen. Sie werden als Zugabe im Suppentopf verwendet. Gegen Abend kommen auch die drei Freunde wieder von ihrer Pirsch zurück, mit reicher Beute an Schmetterlingen, Käfern und Libellen. Aber die Heterophaea haben auch sie nicht entdeckt.

Den Abend beschliesst wiederum von 18 00 bis 24 Uhr der Fang am Licht. Die Temperaturen betragen zwischen 24 Grad am Anfang und 19 Grad um Mitternacht. Der Anflug ist mässig, aber sehr artenreich: Viele Eulenfalter (Noctuidae) und Kleinschmetterlinge (Mikrolepidoptera), verschienenartige Bärenfalter (Arctiidae), sehr viele Köcherfliegen (Trichoptera) nebst anderen Insekten wie Käfer, Zikaden, Fliegen, Gottesanbeterinnen, Wespen.

Dienstag, 11. März

Tagwache 06 00 Uhr, nach dem Frühstück brechen Marcello, Adrian, Celso und Alex auf zum Bolowan River, der etwas mehr als 2 Stunden vom Camp entfernt ist. Ein sehr strenger Marsch in steilem Gelände durch Dickicht und Gebüsch, zu hart für mich. A.-M. und ich explorieren bei schönstem Wetter neue Täler in der Umgebung des Camps. Es ist erstaunlich, wie viele Bäche und Flüsschen zu Tale fliessen. Auch bei stärkstem Gewitter steigen die Bäche nur wenig an. Das zeigt auf, wie der Wald den Regen auffängt, speichert und das Wasser kontinuierlich wieder abfliessen lässt. Heute gelingt es mir, Risiocnemis ignea zu fotografieren. Ich habe sie gestern schon entdeckt, kam aber nicht zum „Schuss“. Sie ist nicht sehr häufig und trotz ihrer leuchtenden Farbe in der dichten Vegetation schwer zu finden. An offeneren Stellen fliegt Vestalis melania, Neurobasis luzonensis und Rhinocypha colorata und Rhinocypha turconii häufig, auf kleinen Lichtungen an den Bächen Cyrano angustior.

Spannend ist auch die Entdeckung einiger interessanter Wespenester unter einem riesigen, halbverrotteten Baumstamm, der quer über einem Rinnsal liegt. Die etwa kleinfingerlangen und –dicken Nester hängen unter dem Stamm an langen Fäden. Ich bin gespannt, ob die Aufnahmen gelungen sind. Näheres darüber erfahren Sie hier: Wespen.

Um 4 Uhr nachmittags sind auch unsere Freunde wieder vom Bolowan River zurück. Die Überraschung ist perfekt, sie bringen einige lebende Tiere von Heterophaea barbata mit. Endlich kann ich die schöne Libelle in natura betrachten. Morgen werde ich versuchen, einige Aufnahmen von den Tieren zu machen.

In kurzer Zeit hat Marcello wieder grosse Süsswassergarnelen, Fische und einige Frösche gefangen. Es muss in diesen glasklaren und reinen Wassern unzählige Tiere geben, denn die Fallen waren nur auf einer Strecke von etwa 20 bis 30 Metern gelegt. Die Wassertemperatur des Baches beträgt 21 Grad. Besonders die Süsswassergarnelen sind weit delikater als diejenigen aus dem Meer. Ich würde zuhause nie Frösche essen, aber hier sind sie ein Teil der Nahrung der Einheimischen und keine Delikatesse für Snobs.

Um 6 Uhr setzen wir wieder die Lampe in Betrieb, die Temperatur ist zu Beginn 25 Grad. Es regnet leicht und der Anflug setzt sofort ein. Zuerst erscheinen einige Bärenfalter aus der Gattung Doliche, dann einige Zahnspinner (Notodontidae) und viele Eulenfalter (Noctuidae),erstaunlicherweise keine Pfauenspinner (Saturnidae) und nur einige wenige Schwärmer (Sphingidae),dafür aber wieder viele Kleinschmetterlinge und Trichoptera. Um halb neun fliegt ein riesiges Hirschkäfermännchen ans Leuchttuch. Es ist ein Lucanus titanus, das grösste Exemplar, das mir je zu Gesicht kam. Auch Alex, der schon Hunderte von titanus gesehen hat, sagt, es sei ihm noch nie ein so grosses Tier begegnet. Um halb elf Uhr stellen wir den Generator ab. Die Lufttemperatur beträgt noch 22 Grad.

Mittwoch, 12. März

Tagwache 06 30 Uhr, 22 Grad, in der Nacht hat es wieder ausgiebig geregnet, jetzt ist es noch etwas bewölkt. Zum Frühstück gibt es Shrimps in Nudelsuppe und Reis und die letzten Bananen fallen unserem Früchtehunger zum Opfer.

Um neun Uhr wandern wir wieder zu den Bächen. Ich will ja die Heterophaea fotografieren. Leider geht das Experiment daneben, die Tiere flüchten auf Nimmerwiedersehen. Dafür kann ich einige Fotos von Neurobasis luzoniensis-Weibchen und Cyrano unicolor-Männchen klicken. Die Sonne scheint nur ganz kurz, anschliessend bedeckt sich der Himmel und es folgen ein paar Stunden Regen bis gegen 3 Uhr nachmittags. Vom Schnitzercamp aus kann ich ein Pärchen Nektarvögel beim Nestbau beobachten. Beide flechten das Nest kunstvoll an die äussersten Blattspitzen eines Farbbaumes .

Mit Ausnahme einiger Aufhellungen mit Sonnenschein war der heutige Tag bedeckt, feucht und eher kühl. Trotzdem haben wir einige recht interessante Beobachtungen machen können.

Um ein Viertel vor sechs, bei 21 Grad, stellen wir das Leuchttuch anstelle des Turmes auf. Der Anflug ist aber nicht besser. Auffällig vielleicht, dass weit weniger Trichopteren anfliegen als zum Turm. Die Insekten fliegen viel aufgeregter und setzen sich kaum, sodass das Beobachten weit schwieriger ist. Gegen neun Uhr brechen wir die Übung bei 20 Grad ab.

Donnerstag, 13. März

Tagewache 06 15 Uhr, 20 Grad, der Himmel ist wiederum bedeckt, es ist feucht. Das Frühstück wie üblich mit Crevetten, Nudelsuppe mit Gemüse und Reis.

Das Herumklettern in den steilen und steinigen Creeks bereitet mir mit der schweren Fotoausrüstung immer mehr Schwierigkeiten. Die Steine sind stellenweise glitschig, wie mit Eis überzogen. Zwei Beinahe-Stürze und ein Flug auf den Rücken lässt mich etwas vorsichtiger agieren. Dabei hatte ich beim Sturz von etwa zwei Metern noch das Glück, dass ich nebst einigen Schrammen und blauen Beulen unverletzt blieb. So ist es für mich fast unmöglich, einige der kleinen Libellenarten on location ablichten zu können. Um die frischen Farben der noch nie lebend fotografierten Tiere dokumentieren zu können, muss ich auf betäubte Tiere zurückgreifen, die Adrian, Alex und Celso auf ihren Streifzügen in die steilen Canyons gesammelt haben.

Heute bauen die beiden Nektarvögel wieder . Gestern konnte ich das Männchen den ganzen Tag nicht sehen. Das Weibchen baut allerdings viel fleissiger am Nest, das Männchen muss hin und wieder das Revier verteidigen.

Heute folgen wir dem Weg nach Süden. Auch hier sind viele kleine Rinnsale und grössere Bäche. Bei einer kurzen Rast an einem Bach kriecht ein riesiger, fast 20 cm messender, fingerdicker Riesentausendfüssler (Spirobolus) vor unseren Füssen vorbei. Ein prächtiges Tier, wie Figura zeigt. Bitte diese Tiere nicht berühren, sie scheiden bei Gefahr eine übel riechende Flüssigkeit aus und man muss die Hände einige Male waschen bis der Gestank verschwindet! Auf Schleimhäute (Augen, Mund, Nase) gebracht, können starke Entzündungen entstehen. Generell sollte man nie unbekannte Tiere anfassen!!

Heute Abend verzichten wir auf den Lichtfang, es ist kühl, regnerisch und ein recht starker Wind weht über die Lichtung. Morgen früh wollen wir abbrechen und nach Dinalungan zurückkehren, der Carabaoschlitten ist auf 12 00 Uhr bestellt.


Freitag, 14. März

Tagwache 05 45 Uhr, 21 Grad. Nach dem Frühstück schiesse ich noch die letzten Fotos von unserem Zelt und dem Schnitzercamp. Jetzt die Zelte abbrechen, das Equipment sorgfältig verpacken und unseren Platz sauber aufräumen. Schon um 10 Uhr steht der Carabao bereit und wir müssen uns beeilen. Auf Zeitabmachungen kann man sich auf den Philippinen nie verlassen, entweder zu früh, was sehr selten vorkommt, vor allem aber zu spät – die sogenannte „philippine time“. Ein Viertel vor 11 Uhr verlassen wir das Camp und machen uns auf den glitschigen, zum Teil sumpfigen Weg, denn in der Nacht hat es stark geregnet. An einem schönen Bach kann ich noch Risiocnemis serrata fotografieren. Die Tiere sitzen meist auf Blattspitzen etwa 10 bis 30 cm über Grund an schattigen Stellen in der Nähe des fliessenden Wassers. Die Art ist nicht so häufig, meist findet man nur vereinzelte Tiere.

Um 13 30 erreichen wir den Umladeplatz und rasten kurz, um uns zu verpflegen. Der Marsch in der heissen Nachmittagssonne über die Hügel und durch die Reisfelder ist ziemlich schweisstreibend. Etwa nach halb vier erreichen wir Dinalungan. Eine Dusche und ein paar Bananen möbeln die Lebensgeister wieder auf.

Das sehr reichhaltige und delikate Dinner besteht aus Reis, Fröschen und Aal an Kokosmilchsauce, Shrimp, Gemüsesuppe mit Fisch. Uns werden die fleischigen Hinterbeine der Frösche serviert, die Einheimischen rösten die Froschhäute in Kokosöl, gewürzt mit Pfeffer, Salz und Knoblauch. Diese gerösteten Häute seien die grösste Delikatesse. Wir können gut darauf verzichten!! Ein angeregtes Gespräch über die Schulsysteme (Bernadette Dusayen ist Lehrerin in Dinalungan) beschliessen den erlebnisreichen Tag.







Trip zum Bungo River


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Samstag,15. März

Tagwache 05 30 Uhr, keine Wolken am Himmel. Nach dem Frühkaffee geniessen wir wiederum ein reichhaltiges Frühstück mit Reis, Fisch, Shrimp, Schweinefleisch und zum Nachtisch frische Exotenfrüchte. Nachdem der Carabaowagen beladen ist, machen wir uns auf den Weg entlang der Reisfelder zum Bungo River. Bereits beginnen die Bauern, den Reis zu ernten, auch Kinder helfen mit. Nach einem etwa 2 stündigen Marsch erreichen wir das Quartier der DENR-Nursery (N 16° 10’ 440“ / E 121° 55’ 180“) am Bungo River. Wir befinden uns jetzt in einem Schutzgebiet für Wasserresourcen (Talaytay water shade). Nach einer weiteren Stunde Marsch, wobei wir einige Male den Fluss durchwaten müssen, gelangen wir auf eine grosse Lichtung. Hier stellen wir unsere Zelte auf (N 16° 11’ 200“ / E 121° 54’ 980“, Höhe über Meer 250 Meter). Die Temperatur des Bungo River beträgt hier 23 Grad.

In einer kleinen, auf drei Seiten offenen Hütte treffen wir auf eine Familie der Aita-Eingeborenen. Der Stamm heisst Dumagat, ein negroider Volksstamm mit gekräuselten Haaren und dunkelbrauner Haut. Die Männer sind bis auf einen kleinen Lendenschurz nackt. Auch die Frauen sind normalerweise nackt, haben aber Kleider angezogen, als sie uns sahen. Die Leute sind sehr sehnig und feingliedrig gebaut. Die Haut sieht zwar wie Leder aus, fühlt sich aber ganz samtig an. Kaum ein überflüssiges Gramm Fett stört die prächtigen Proportionen. Ich habe selten so schöne, ausgeglichene Körper gesehen. Die Familie ist von den Bergwäldern, in denen sie leben und jagen, herunter gekommen, um Wildschwein– und Rehfleisch gegen Kleider und Reis zu tauschen. Gelegentlich kaufen sie auch Tanduay-Rum und besaufen sich sinnlos. Im Moment schläft Muyok Herman seinen Rausch aus, er hat fast die ganze Flasche geleert. Die Aita sprechen eine eigene, eigentlich sehr einfache Sprache. Sie hat keine Vergangenheits- oder Zukunftsformen, keine Fälle und keine Zahlen. Es gibt nur Eins oder Mehr. Um den Oberarm tragen sie Schnüre, in die dann Marcello Knoten knüpft. Jeden Morgen löst dann Muyok einen Knoten und wenn keine mehr vorhanden sind, heisst das, dass sie sich hier einfinden sollen. Marcello betreut die Leute und versorgt sie mit den wichtigsten Lebensmitteln oder einigen Medikamenten. Als Schmuck tragen sie um die Oberarme auch Schnüre mit einigen Glasperlen und Hautstreifen mit Borsten des Wildschweins. Mit Marcellos Hilfe können wir uns mit den Leuten unterhalten. Marcello erklärt uns, dass sie sehr geschickte Jäger sind und sich in den Bergwäldern sehr schnell bewegen können. Zur Jagd verwenden sie Pfeil und Bogen, sowie Fallen mit Speeren. Ich würde gerne den Bogen und zwei verschiedene Pfeile von Muyok Herman abkaufen. Er will sie nicht geben, da der Bogen ein altes Familienstück ist, mit dem schon sein Vater und sein Grossvater gejagt haben. Dafür erhalte ich zwei Pfeile, der eine mit Widerhaken und einem Schaft aus Rattan. Die Pfeilspitze sitzt nur locker im Schaft und ist mit diesem durch eine sehr zähe, handgeflochtene Schnur verbunden. Die Jäger müssen sich sehr nahe an ein Wildschwein heranpirschen, um einen genauen Treffer zu landen. Die Eisenspitze mit den Widerhaken steckt im Fleisch des Tieres, der Schaft verheddert sich in den Ästen der Büsche und reisst eine immer grössere Wunde. Die Aitas schleichen sich wieder an das verwundete Tier heran und schiessen weitere Widerhakenpfeile ab. Wenn das Tier genügend Blut verloren hat und geschwächt ist, wird es aus der Nähe mit einem anderen Pfeil mit scharfer Eisenspitze und einem Schaft aus einem leichten, sehr elastischen Bambus vollends erlegt. Der Bogen ist aus Busug-Holz, einer sehr seltenen Palmenart, sehr hart und zäh, aber auch sehr elastisch. Die Sehne des Bogens ist aus den Haarwurzeln des Balete-Baumes (Ficus spec.) gedreht. Der Pfeil mit den Widerhaken heisst in der Aita-Sprache Ginilat, der Pfeil mit der schlanken Spitze heisst Pangal.

Die nähere Umgebung unseres Camps besteht aus Sekundärwald, der bergseits langsam in Urwald übergeht. Der Bungo River ist teilweise von Urwald umsäumt. In einem solchen kleinen Wäldchen kann ich den Scale feathered Coucal (Phoenicophaeus cumingi) beobachten.

Dieser grosse Kuckuck trägt auf dem Kopf und dem Hals eigenartige glänzende schuppenförmige Federn. Sie sehen aus wie aus Plastik. In einem abgestorbenen, hohlen Baum brütet der Philippinische Zwergfalke (Microhierax erythrogenys).Einer der beiden Vögel sitzt meist auf dem etwa 10 Meter hohen, oben abgebrochenen Stamm. Das Schlupfloch zur Höhle befindet sich etwa einen Meter unterhalb der Spitze.

Unser Leuchtturm steht etwas offen in der Lichtung und es herrscht recht starker Fallwind von den Bergen. Der Anflug der Insekten zum Licht ist bedeutungslos und wir stellen den Generator nach 2 Stunden ab. Die Temperatur beträgt zwischen 23 und 21 Grad C.



Sonntag, 16. März

Tagwache 05 30 Uhr, wolkenloser Himmel. Im Verlaufe des Tages ziehen einige weisse Kumuluswolken auf, die aber nur die Szenerie noch fotogener gestalten.

Im nahen Wald beim Bungo River ruft Koch’s Pitta (Pitta kochii) und auch der Ph. cumingi hüpft durch die Äste der hohen Bäume.

Am Nachmittag entdeckt Alex inmitten des Bungo River die Libelle Paragomphus balneorum auf einem Stein sitzend. Er hat schon zwei oder drei der Männchen gefangen, aber kaum ist ein Tier weg, sitzt nach zwei bis vier Minuten ein neues da. Die Tiere sind sehr scheu. Trotzdem gelingen mir nach etwa dreiviertel Stunden ein paar Bilder (hoffe ich wenigstens). Auch die Segellibelle Neurothemis ramburii sitzt sehr fotogen auf einer Sentimento-Blume (Stachytarpheta jamaicensis).

Einige Bemerkungen zu Sentimento: Diese Art wurde als Zierpflanze aus Amerika eingeschleppt und hat sich auf den ganzen Philippinen ausgebreitet. Meist sieht man sie an Waldrändern oder auch auf Plätzen. Sie scheint sehr anspruchslos zu sein. In der Ilocano-Sprache heisst sie Mannimanni, in Tagalog: Sentimento oder Kandikandi-laan. Sentimento wird häufig als Medizinalpflanze verwendet. Blätter und Blüten werden zerquetscht und auf Wunden gelegt, ein Wirkstoff in der Pflanze soll Infektionen verhindern. Auch bei Verstauchungen und Prellungen wird Sentimento aufgelegt.

Die Creeks sind zumeist steil und sehr felsig, es ist schwierig vorzudringen. Ich kann einige mir nicht bekannte Kleinlibellen der Gattung Drepanosticta sammeln, es gelingt mir aber nicht, sie zu fotografieren.

Der Lichtfang am Abend zwischen 18 40 bis 23 00 Uhr beschliesst wiederum den Tag.. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 23 und 20 Grad; leichtes Nieseln, kaum Wind. In den Wäldern kriecht der Nebel weit herunter – eigentlich beste Voraussetzungen für einen guten Anflug. Trotzdem ist er sehr bescheiden.

Montag, 17. März

Tagwache 06 30 Uhr. Der Himmel ist blau, abgesehen von einigen Wolken über den Bergen. Das übliche Frühstück mit Kaffee, Reis und Nudelsuppe. Gegen acht Uhr ziehen dichtere Wolken vom Pazifik heran und die Sonne sticht nur noch gelegentlich durch Wolkenlücken. Es ist feuchtheiss, wie in einer Sauna.

Wir beschliessen, morgen früh unser Camp abzubrechen und nach Dinalungan zurückzukehren. Wir werden mit dem Jeepney nach Baler und von dort nach Villa Aurora fahren, das, wie früher erwähnt, am Pass zwischen Baler und Cabanatuan liegt. Celso sagt, dass es dort einen Nationalpark mit schönen Bergurwäldern gibt.

Trotz eifriger Suche haben wir Heterophaea barbata hier am Bungo River noch nicht gefunden. Die Libellenfauna ist nicht besonders reichhaltig, es fehlen vielfältige Biotope. Dafür sind viele Vögel zu beobachten. Rufous Hornbill (Buceros hydrocorax) und Tariktik Hornbill (Penelopides panini manilloe) sind häufig, Coleto (Sarcops calvus) bewohnt eine Baumhöhle nicht weit von unserem Zelt, auch Beos (Gracula religiosa) sehen wir jeden Tag. Ein Trupp von Glossy Starlings (Aplonis minor) hält sich in dem kleinen Flusswald auf, gelegentlich auch ein Drongo (Dicrurus spec.). Fasananschwanztauben (Macropygia phasianella) ziehen in sehr schnellem, falkenartigen Flug vorbei. In den höher gelegenen Wäldern ist die White Eared Fruitdove (Phapitreron leucotis), die Meryll’s Fruit Dove (Ptilinopus merilli faustinoi), die Erzflügeltaube (Chalcophaps indica) und der Specht Great Slaty Woodpecker (Mulleripictus pulverulentus) zu beobachten. Auch den anderswo sehr seltenen Kleinpapagei Guaiabero (Bolbopsittacus lunulatus) hören und sehen wir häufig. Jenseits des Bungo River ist das Ufer steil und mit Mischwald bewachsen. An diesem Waldrand sitzen die bunten Philippine Trogone (Harpactes ardens). Auch der Dollar Bird (Eurysomous orientalis) ist da häufig. Der Breitrachen (Eurylaimus steeri) sitzt gerne auf exponierten Zweigen am Waldrand und hält nach Insekten Ausschau.

Der Lichtfang, bei teilweise bedecktem Himmel und gelegentlichem Nieselregen bringt keine neuen Erkenntnisse. Interessant sind einige Exemplare des Bärenspinners der Gattung Doliche, die zwischen 19 00 und 20 15 an den Leuchtturm fliegen. Die Temperatur geht von 22 Grad um 19 00 Uhr auf 20 Grad beim Abbruch um 21 Uhr zurück.

Vor wenigen Minuten, d. h. nach 9 Uhr abends, sind die Aitas mit Kind und Kegel aufgebrochen und kehren in den Wald zurück. Sie durchwaten den Bungo River bei vollständiger Dunkelheit sicher und behände. Wir haben schon die grösste Mühe, bei Tage über die glitschigen Steine zu balancieren.


Dienstag, 18.März

Tagwache 05 30 Uhr. Der Himmel ist fast wolkenlos. Guter Dinge „geniessen“ wir unser Frühstück. Zur Abwechslung gibt es ausser Kaffee, Reis und chinesischer Nudelsuppe ein paar gebratene Tauben adobo, ein guter Boden für den Rückmarsch.

Der Carabao sollte gegen Mittag eintreffen. Wir haben also genügend Zeit, das Camp zu räumen, die Zelte und die Wäsche zu trocknen und alles fein säuberlich zu packen. Um 12 Uhr marschieren wir los und um halb vier Uhr sind wir bei der Familie Dusayen.

Alex kocht wieder seine Spezialität, Chicken in Pineappel/Cocosmilchsauce. Als Vorspeise gibt es Shrimp und Froschschenkel und zum Nachtisch süsse, frische Tropenfrüchte.

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Mittwoch, 19. März

Tagwache 06 00 Uhr, kaum Wolken am Himmel, von der See her weht eine angenehme Brise. Zum Frühstück gibt es Chicken adobo (Hühnchenbraten an Sauce), Gemüsesuppe mit Fisch, Reis und Kaffee. Bald haben wir alles gepackt und zehn vor neun kommt der Jeepney. Anna-Maija und ich haben einen Platz in der Führerkabine. Um neun Uhr fahren wir los und erreichen nach problemloser Fahrt (nur ein Radwechsel) um drei Uhr nachmittags den Bus- und Jeepneyplatz beim Markt in Baler. Da heute kein Bus mehr über den Pass fährt, fahren uns zwei Tricycles zum Anihan Hotel. Dieses verfügt auch über eine Disco. Das ist uns zu laut und so dislozieren wir zum Anihan Beach Resort. Wir mieten zwei Zimmer und bezahlen 100 Piso pro Person, recht teuer für die eher schmutzigen Zimmer. Dafür gibt es einen langen, schönen Sandstrand und ein Bad im Meer beruhigt den Frust wegen der schlechten Zimmer. Das Nachtessen allerdings ist sehr gut, Fisch, Gemüsesuppe, Chopsue und Fried Rice.





Donnerstag, 20. März

Tagwache 05 00 Uhr. Adrian organisiert zwei Tricycle und ab geht es zur Busstation. Auf dem daneben liegenden Markt kaufen wir noch Früchte ein, derweilen Adrian, Alex und Celso das Gepäck in den richtigen Bus laden. Anna-Maija klagt über leichte Bauchkrämpfe und etwas Durchfall und nimmt zwei Imodium Tabletten. Um sechs Uhr verlässt der Bus Baler und erreicht Villa Aurora um acht Uhr.

Wir melden uns beim DENR und beim Commander der PNP (Philippine National Police) und erklären unser Vorhaben. Problemlos erhalten wir die Bewilligung, im Gebiet des La-ab Rivers nach Libellen und Nachtfaltern zu suchen. Ich will mich hauptsächlich der Fotografie widmen.

Mit Hilfe von Trägern begeben wir uns auf den Marsch. Zuerst überqueren wir auf einer kleinen Bambusbrücke den La-ab River, dann geht es steil bergauf über einen felsigen Hügel und wieder hinunter ins Tal. Wir durchwaten den Fluss und gelangen auf eine kleine Ebene, auf der eine einfache Bambushütte steht. Fast eine Stunde dauerte der Marsch. Die Frau empfängt uns sehr freundlich mit einem Kaffee, ihr Mann sei auf der Jagd, sagt sie. Wir können uns einen schattigen Platz am Ufer des La-ab für unser Zelt aussuchen. Unsere Freunde dürfen die Gastfreundschaft der Familie beanspruchen und schlafen in der Hütte. Auch zum Kochen dürfen wir den Herd im Haus benützen. Bald haben wir uns nett eingerichtet und dann geht es auf Erkundungstour entlang des steinigen Flusses. Das Gebiet scheint sehr interessant zu sein, denn noch steht guter Urwald ringsum. Im steinigen Bachbett des La-ab River habe ich einige Neurobasis l. luzonensis gesehen, sie scheinen aber nicht häufig zu sein. Männchen von Heterodoxa heteronaias jagen in rasendem Flug über den Bächen. Nach kurzer Zeit schon ergeben sich gute Gelegenheiten für Fotos.

Plötzlich hören wir eine Detonation, es muss weit oben in den Bergen sein. Sofort rennen einige Leute zusammen; der Gastgeber ist inzwischen ohne Beute von der Jagd zurück. Wir erfahren, dass wahrscheinlich ein Wildschwein in einen mit einer Pulverladung versehenen Köder gebissen hat. Sofort brechen die sechs Männer und die Frau auf, um das Schwein zu holen. Ein Hund begleitet sie und der Gastgeber nimmt eine Schrotflinte mit. Nach etwas über drei Stunden kehrt die Jagdgesellschaft tatsächlich mit einem toten Keiler zurück. Sofort wird ein Holzstoss angezündet und in den Flammen brennen die Männer die Borsten des Ebers ab. Es stinkt erbärmlich von den brennenden Borsten. Anschliessend wird der Eber zu Fluss geschleift und dort ausgeweidet. Fast alles wird verwendet, die besseren Innereien wie Leber und Herz werden gleich roh verzehrt, die Lunge adobo zubereitet. Die Därme und der Magen – und auch die Knochen kommen in eine Gemüsesuppe. Das fast fettlose Muskelfleisch wird in dünne Scheiben geschnitten, gesalzen und an der Luft getrocknet. Das ist ein guter Vorrat für die nächsten Wochen. Am Abend ist das ganze Tier fein säuberlich zerlegt und konserviert. Die Bildsequenz vermag vielleicht ein wenig den Vorgang der „Metzgete“ zu veranschaulichen.

Gegen vier Uhr kommt Alex von Villa Aurora zurück, wo er noch einige Lebensmittel für uns eingekauft hat. Er überbringt die Nachricht, dass eine kleine Delegation des Büros für den Nationalpark angekommen ist und mir jegliches Sammeln im Gebiete verbietet, weil ich keine Bewilligung des DENR-Hauptbüros in Quezon City habe. Weil meine Frau etwas krank ist (Bauchkrämpfe und Durchfall), dürfen wir bis Samstag bleiben. Meine philippinischen Freunde dürfen sammeln, weil es ihr Beruf ist. Sie leben ja seit Jahren vom Sammeln von Insekten, sowie als Begleiter und Guides für Expeditionen in den Urwald.

Die Höhe des Camps liegt etwa auf 500 Meter über Meer. Die Koordinaten sind etwa:

N 15° 40’ 350“; E 121° 20’ 400“

Um 18 40 starten wir die Lampe für den Lichtfang, es ist bedeckt und 24 Grad warm. Um neun Uhr sind die Wolken verzogen und der Mond scheint hell vom Himmel. Es ist relativ trocken, kein Tau. Der Anflug ist nicht sehr berauschend, die kleinen Doliche erscheinen zwischen 7 und 8 Uhr, die grösseren ab halb neun. Wie erwähnt, nur wenige grössere Falter am Licht, dafür immense Mengen an Kleinschmetterlingen und Trichopteren. Für Wolfram Mey wäre es ein Wunderabend gewesen. Wir beenden das Lichtexperiment um halb elf bei 22 Grad.


Freitag, 21. März

Tagwache 06 00 Uhr. Prächtiges Wetter ist angesagt, kaum Wolken am Himmel. Schnell das Frühstück heruntergewürgt und nichts wie los in die Büsche. Um 10 Uhr kommt Celso ganz aufgeregt zu mir und teilt mir mit, dass er Heterophaea entdeckt hat. Mein Herz schlägt höher. Dies kann nur jemand verstehen, der die berühmte Stecknadel im Heustock finden will. Schnell die Kameratasche geschultert und los über Stock und Stein, zuerst den Madalum Creek durchwatend und dann einige Male den Inabalauan River, der sich reissend zwischen riesigen Steinen hindurchzwängt. Einige Passagen sind recht knifflig, glitschige Steine, das Wasser zum Teil über knietief. Und dann entdecke ich sie, die Gesuchte – besser gesagt: ein Er sitzt auf einem Stein am Flussrand, ganz eng angeschmiegt an die Unterlage. Mein Gott, ist das ein prächtiges grosses Tier! Meine Hände zittern. Die Kamera um den Hals, arbeite ich mich auf dem Bauch Zentimeter um Zentimeter heran. Als erstes einmal ein Bild, auf dem man das Insekt erkennen kann! Ellbogen abgestützt, die Kamera im Anschlag, wie der Jäger die Büchse, visiere ich das Objekt an. Das Herz schlägt bis zum Hals, der Schweiss rinnt vor Aufregung in Strömen von der Stirn. Nur jetzt keine falsche Bewegung, hoffentlich sticht mich kein Moskito, denke ich, den Finger längst am Auslöser. Jetzt habe ich sie im Sucher, nicht formatfüllend zwar, aber gut erkenntlich. Ich bin überglücklich vor Vorfreude auf den guten Schuss und drücke den Auslöser– nichts passiert! Nochmals gedrückt, nichts geschieht. Kreuzdonnerwetter, what happens! Hoffentlich ist nicht die Batterie leer oder ein Defekt an der Kamera. Tausend Gedanken schwirren durch meinen Kopf, Tausende Kilometer geflogen, die abenteuerliche Fahrt über den Pass und jetzt dieses Malheur!. Ich robbe vorsichtig zurück, da bewegt sich ein Stein und die Prachtslibelle entschwindet! Frust pur – am liebsten hätte ich die Kamera der Libelle nachgeworfen! Ich checke die Kamera, die Batterie ist in Ordnung. Jetzt entdecke ich den Fehler: Ich hatte die Kamera nicht eingeschaltet. Weil ich mit dem Aufhellblitz arbeiten wollte, habe ich alle Voreinstellungen eingerichtet und nicht auf die Lichtwaage geachtet. Zu meinem grossen Glück hat Celso aufgepasst und den Flug der Wasserjungfer verfolgt. Sie sitzt jetzt etwa 20 Meter weiter bachaufwärts auf einem grossen Grashalm. Vorsichtig schleiche ich mich auf den Knien bis etwa 5 Meter heran, lege mich vorsichtig auf den Bauch und schleiche durch eine Pfütze langsam und bedacht wie ein Indianer an. Zuerst ein Sicherheitsschuss aus einer weiten Entfernung! Fast millimeterweise robbe ich näher. Jetzt habe ich sie prächtig im Bild, Verschluss und Blitz lösen aus. Nach dem zweiten Blitz flüchtet das Tier auf Nimmerwiedersehen flussaufwärts. Trotzdem bin ich überglücklich.

Wir klettern und kriechen dem Fluss entlang, gelangen nach einer weiteren Viertelstunde an einen Seitenbach und folgen dessen Lauf, Celso behände voraus. ich keuchend und stolpernd hintennach. Im Dunkel des Waldes sieht er fast wie eine Eule, kaum etwas entgeht seinem geübten Blick. Eben hat er Risiocnemis atropurpurea entdeckt, kaum zu finden im Gewirr von Blättern und Halmen. Nahe dabei fliegen Männchen und Weibchen im Tandemflug dicht über dem feuchten, teilweise nassen Boden. Dann setzt sich das Pärchen an geeigneter Stelle auf das Substrat und das Weibchen bohrt seinen Legestachel in den Grund. Auch in kleine Pflanzenstängel, aber immer dicht am Boden und in Wassernähe werden Eier abgelegt. Es ist gar nicht so einfach in dem dunklen Schatten die Entfernung einzustellen, hoffentlich gelingen einige der Aufnahmen.

Wir folgen wieder dem Inabalauan River aufwärts. Er ist umsäumt von wunderschönem Urwald. Wir kommen an eine etwas offenere Stelle mit einer Stromschnelle. Mitten in dieser Schnelle liegt ein grösserer Stein, dessen Spitze aus der Strömung ragt – und darauf ruht ein Heterophaea Männchen. Ich falte meine Glieder zusammen und gleite ins Wasser, bis zu den Hüften sitze ich im rasch dahinströmenden Fluss. Stehen kann ich nicht, die Steine sind zu glitschig und ich will ja nicht das Tier mit einer unabsichtlichen Bewegung vertreiben. Auf dem Hintern rutschend, bewege ich mich näher und näher, bis ich nahe genug bin. Vom Blitz aufgescheucht, fliegt es einige Runden über dem Wasser und setzt sich wieder auf den Stein, leider nicht so, wie ich es möchte. Ich schnippe mit dem Finger einen Spritzer Wasser gegen das Tier. Sofort fliegt es auf und setzt sich am Ufer auf einen Stein. Ich warte geduldig. Jetzt fliegt ein zweites Tier über dem Fluss und nach zwei, drei Schleifen landet es vor mir auf dem Stein. Jetzt habe ich die Gelegenheit, mehrere Aufnahmen zu machen. Endlich, nach etwa einer Stunde, krieche ich aus dem Bach. In der brütenden Hitze war das Sitzbad schon fast ein Vergnügen – unten kühl und nass und oben heiss und schweissüberströmt.

In einem Abschnitt von einigen hundert Metern beobachten wir jetzt einige Tiere, alles Männchen. Sie zirkulieren entlang des Flusses und lassen sich regelmässig auf Steinen im Wasser oder am Bachrand nieder. Sie sitzen dabei ganz eng an den Stein angeschmiegt. Wenn sich ein anderes Männchen nähert, stellen sie sich hoch auf die Beine, öffnen ruckartig die Flügel und bewegen den leuchtend roten Hinterleib in die Höhe. Kämpfe um den Standplatz konnte ich nicht beobachten. Es scheint die Ausnahme zu sein, wenn sie sich am Rande des Baches auf die Vegetation setzen. Leider bekommen wir kein Weibchen zu Gesicht. Das wäre dann wirklich der perfekte Tag gewesen, weil ich ja noch Risiocnemis incisa in beiden Geschlechtern und eine mir unbekannte Drepanosticta auf den Film bannen konnte.. Nach mehr als fünf Stunden Kletterei und Schinderei und gegen 30 Flussüberquerungen erreichen wir wieder unser Camp.

Lichtfang von 18 40 bis 22 30 Uhr, Temperatur von 24 Grad auf 22 Grad sinkend. Der Himmel bedeckt, aber kein Regen, es ist ziemlich trocken, kein Tau. Ab 20 30 heller Mondschein. Der Anflug ist bescheiden, die Köcherfliegen (Trichoptera) fliegen massenhaft zum Licht. Der Bach, in dem sich die Larven entwickeln, fliesst nur einige Meter vom Licht entfernt plätschernd dahin.

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Baler


Samstag, 22. März

Tagwache 05 40 Uhr, kaum Wolken am Himmel, ein wunderschöner Morgen. Schade, dass wir schon abreisen müssen, aber wir haben den Leuten vom DENR versprochen, dass wir am Samstag das Camp räumen. Adrian, Alex und Celso können bleiben und weitersammeln.

Um neun Uhr sind wir in Villa Aurora und warten hier auf den Bus, der von Cabanatuan her um 11 Uhr eintrifft. Natürlich ist die alte rostige Karre schon überfüllt. Sehr liebenswürdig räumen zwei Leute ihre Plätze für die „Spitznasen“ und zwängen sich in den vollgepfropften Mittelgang. Auch das Gepäck wird noch irgendwo auf dem Dach verstaut. Es ist heiss im Fahrzeuginneren, denn die Sonne brennt heiss auf die Blechkiste. Endlich, etwas nach 14 00 Uhr können wir in Baler aussteigen. Die Fahrt von Villa bis Baler kostete pro Person 30 Piso. Wir erreichen mit einem Tricycle problemlos das schöne Beach Resort „Bay’s Inn“ am prächtigen Sandstrand. Das Zimmer mit Fan kostet 250 Piso pro Nacht. Das Hotel und die Zimmer sind sehr sauber. Im kleinen Hof innerhalb der Gebäude ist ganz idyllisch, mit einem kleinen bepflanzten Weiher. Eine Terrasse auf der Meerseite des Hotels lässt uns einen paradiesischen Blick auf den Pazifik geniessen.

Nach Sandwich, Coke und Sprite können wir endlich wieder im Wasser plantschen. Es ist herrlich, in die sich überschlagende Brandung zu schwimmen. Der Sand ist grau, sehr fein, das Wasser angenehm, nicht zu warm und nicht zu kalt. Der feine Sandstrand zieht sich kilometerlang gegen Süden und zirka zwei Kilometer nach Norden, wo er dann in Felsenklippen übergeht.

Mit einem üppigen Mahl und einigen Bierchen auf der Veranda beschliessen wir den romantischen Abend.

Sonntag, 23. März

Tagwache 06 00 Uhr. Die Sonne sollte jeden Moment über dem Meer aufgehen, allein ein dichter Dunst verhindert einen malerischen Aufgang. Sonst ist der Himmel wolkenfrei. Da ja heute Sonntag ist, tummeln sich schon viele Leute am Strand.Vor allem Kinder baden im angenehm warmen Wasser. Die grösseren Buben vergnügen sich mit Wellenreiten in der völlig gefahrlosen Brandung. Einige Fischer sind mit ihren Bancas (Auslegerbooten) in zielstrebig zum Hafen unterwegs. Ein hübsches Fotosujet, die Boote und das golden schimmernde Meer im Gegenlicht. Um halb acht erscheint auch Anna-Maija und gemeinsam geniessen wir Frühstück und Morgenstimmung. Das einzig störende ist der ständige Disco-Sound aus der Radioanlage des Hotels, schon seit 6 Uhr!

Nach dem Essen entfliehen wir dem Geplärr und unternehmen eine Strandwanderung über Cape Cemento nach Cape Encanto. Hier, in der grossen Bucht vor Cape Cemento stehen Fischerhütten auf Pfählen. Sie sind fast vollständig aus Bambus und den Blättern der Nippapalme geflochten, zusammengebunden mit Rattan. Die zum Teil hübsch bemalten Fischerbancas liegen auf dem Sandstrand, bereits gereinigt und vorbereitet auf die nächtliche Ausfahrt. In der Bucht südlich von Cemento stossen wir auf eine Mangrovenpflanzung in einem ehemaligen Korallenriff, das während der Ebbe, fast trocken liegt. Es ist praktisch tot. Die Korallen sind vollständig durch die Dynamitfischerei zerstört, ein Trümmerfeld, was früher tausendfältig belebt war. Vor dem Cape Encanto finden wir eine leere Bambushütte. Wir ruhen darin eine Weile aus, am Schatten ist es einigermassen erträglich. Trotz brütender Hitze und prallem Sonnenschein wandern wir zurück. Um zwei Uhr nachmittags sind wir wieder im Bay’s Inn. Anna-Maija muss sich hinlegen, sie leidet immer noch unter Magenkrämpfen und Durchfall. Sie isst deshalb nur ein Toastbrot und trinkt viel Tee dazu. Ich bestelle mir zum Abendessen „Gambas a la Bay’s Inn“. Es gibt eine extrem grosse, fürstlich schmeckende Portion. A.-M. bleibt im Bett. Ich sitze auf der Veranda und staune auf das endlos weite Meer hinaus. Bald steigt der fast volle Mond aus dem Ozean auf und der Lichtkegel spiegelt sich den Wellen, ein fantastischen Schauspiel. Wie flüssiges Silber fliesst das Licht mit der anrollenden Brandung. Fast zwei Stunden lang dauert das Spektakel, dann überziehen Schleierwolken den Nachthimmel und knipsen dem Erdtrabanten langsam das Licht ab. Noch nie in meinem Leben habe ich den Mond so eindrücklich gesehen.

Montag, 24. März

Tagwache 05 45 Uhr. Nachts hat es geregnet, das heisst, es regnet immer noch leicht. Wieder kein vergoldeter Sonnenaufgang!

Trotz leichten Nieselns sind schon wieder viele Leute am Strand und nehmen ihr Erfrischungsbad, bevor sie zur Arbeit gehen.

Anna-Maija geht es etwas besser und hat entsprechend Hunger. Nach dem leichten Frühstück klart es auf und bei schönstem Wetter wandern wir dem endlos scheinenden Strand entlang in nördlicher Richtung und sammeln Meeresschnecken und hübsche Muscheln. Am Nachmittag besuchen wir den Markt und kaufen einige Früchte, Mangos, Papayas und die kleinen, süssen Bananen.

Am Abend bricht ein ungewöhnlich heftiges Gewitter mit taifunartigem Sturm über die Bucht herein. Schwarze Wolken tauchen den Strand in nahezu finstere Nacht, die See ist aufgewühlt und die Brecher schlagen gegen die hohe Schutzmauer. Blitze erleuchten in kurzen Abständen die Szenerie. Die Natur hat losgeschlagen und alles was nicht niet-und nagelfest ist, fliegt durch die Luft. Dürre, holzige und schwere Cocospalmen-Blätter werden heruntergerissen und fliegen wie Raketen durch den Nachthimmel, wehe, wenn dich so ein Geschoss trifft! Dem Sturm folgt ein sintflutartiger Regenguss, vorhangdicht wie er nur in den Tropen fällt. Nach drei Stunden ist der Spuk vorbei und es nieselt nur noch leise. Jetzt ist es angenehm im Zimmer, nicht mehr so drückend schwül wie gestern.

Dienstag, 25. März

Tagwache 05 45 Uhr. Der Himmel ist noch mit Sternen übersät. Nur im Osten über dem Horizont des Pazifik breitet sich eine Dunstbank aus. Wieder kein Sonnenaufgang, dafür ein feines Frühstück. Nach einem Bad in den Wellen frönen wir wieder einem Spaziergang im feinen Sand des Strandes. Welch wunderbare Fussmassage! Zwei Stunden tippeln wir im warmen Sand und noch immer ist kein Ende des Gestades abzusehen, weit weg noch sind die Felsenklippen. Wir machen uns auf den Rückweg, in anderthalb Stunden sind wir wieder im Hotel.

Unsere drei Freunde sind soeben von Villa Aurora zurückgekehrt. Sie haben zwei Pärchen von Heterophaea in Copula gefangen, schade, dass ich nicht dabei sein konnte. Auch die andere Ausbeute kann sich sehen lassen, es wird interessant sein, zuhause die Arten zu bestimmen.

Für das Dinner haben wir einen grossen Fisch, einen Lapu Lapu für sieben Personen bestellt. Er soll der beste Speisefisch des philippinischen Meeres sein. Um sieben Uhr wird das Riesentier auf getragen, samt vielen Zutaten wie fried rice, plain rice, Chopsue, Gemüse und jede Menge Bier und Drinks. Zum Gelage haben wir auch die beiden Holländer eingeladen, die wir gestern kennen gelernt haben. Das ganze Bankett kostet 520 Dinar, inklusive Getränke.

Mittwoch, 26. März

Tagwache 04 15 Uhr. Strahlender Sternenhimmel, ein gutes Omen für die Rückfahrt nach Manila. Um fünf Uhr sind wir bei der Busstation und machen es uns im „Genesis Metro Shuttle“ bequem. Der Bus fährt direkt über Cabanatuan nach Manila. Es ist genau sechs Uhr, als der Bus sich auf die Reise begibt. Um acht Uhr erreichen wir Villa Aurora, ein kurzer Halt für die Verpflegung und weiter geht es über die endlosen Serpentinen. Erst jetzt, bei Tage, wird uns bewusst, an welchen Abgründen wir in der Nacht mit dem Jeepney vorbeigefahren sind. Mir graust es noch immer. Ohne Panne oder Plattfuss erreichen wir Manila um halb vier Uhr. Am Busterminal in Pasay herrscht ein riesiges Verkehrschaos. Nach langem Suchen finden wir ein grosses Taxi für fünf Personen und den Haufen Gepäck. Wir bezahlen nach langen Hin und Her 650 Piso für die Fahrt zu Adrians Haus an der Galvani Street.

Celso verabschiedet sich, er will wieder einmal heim zu seiner Familie. Anna-Maija wird am 28. März wieder in die Schweiz zurückfliegen. Dafür wird uns, Adrian, Alex und mich, mein Freund und Arbeitskollege Markus Kaiser nach der Insel Samar begleiten. Er sollte bereits hier in Manila bei Verwandten, der Familie Christoph Locher sein, ein kurzer Anruf bestätigt, dass alles ok ist.

Donnerstag, 27. März

Tagwache 06 00 Uhr. Heute ist auf den Philippinen Feiertag. Die Banken und die grossen Kaufhäuser sind geschlossen, kleine, von Familien betriebene Stores sind aber offen.

Wir treffen uns mit Markus und Christoph im Philippine Plaza Hotel zu einem Apero und zum Schwimmplausch im vornehmen Fünfsternhotel. Ich will Traveller Checks wechseln doch sie werden nicht angenommen, weil ich nicht im Hotel eingeschrieben bin. Auch nehmen sie im Maximum 100 US Dollar cash. Für den Eintritt zum Swimming Pool verlangen sie 200 Piso. Diese werden allerdings bei einer Konsumation wieder angerechnet. Anschliessend fahren Markus, Christoph und ich zum Haus von Christoph; Anna-Maija bleibt am Pool. Ich helfe Markus bei der Auswahl der Dinge, die er für die Reise nach Samar braucht. Gleich nach Erledigung der Arbeiten fahren wir wieder zum Plaza zurück und verpassen den farbenbunten Sonnenuntergang über der Bucht von Manila um 10 Minuten.

Markus hat uns alle zum Abendessen am reichhaltigen Buffet im Garten des Hotels eingeladen. Am Abend sieht der Garten wirklich märchenhaft aus, einer der schönsten in Manila. Schlanke Palmen, blühende Exotenpflanzen, alles dezent beleuchtet, zaubern Tausend und eine Nacht in die Tropennacht.

Das Buffet ist dermassen reichhaltig, dass wir unmöglich von allen Leckereien kosten können. Es verleitet zur absoluten Völlerei. Nur gut, dass es das nicht jeden Abend gibt. Für mich und Anna-Maija sind die Abende im abgelegenen Urwald doch noch romantischer!!

Karfreitag, 28. März

Tagwache 06 00 Uhr. Nach dem Frühstückskaffee fahren wir zur Mabini Street, um bei einem der kleinen Geldwechsler Checks zu wechseln. Es ist kein Problem, die Wechsler haben meist 24 Stunden offen, auch an Feiertagen. Die Money Changer sind sehr zuverlässig. Vielleicht muss man erst abchecken, wer den besten Kurs anbietet, die Unterschiede sind allerdings gering. In den Banken ist der Geldwechsel sehr kompliziert und langwierig. Anschliessend fahren wir zum San Andres Früchtemarkt. Anna-Maija will noch schöne süsse Cebu-Mangos, Ananas und Rambutan kaufen, ein kleines Mitbringsel für die Daheim gebliebenen.

Der Zoologische Garten ist unser nächstes Ziel. Die schreckliche alte Anlage scheint etwas sauberer zu sein als vor zwei Jahren. Das riesige Krokodil döst, wie immer bei unseren Besuchen, ohne Wasser im kleinen Graben vor sich hin. Leider wird der Zoo seit Jahrzehnten reichlich unprofessionell geführt. Allerdings fehlt es auch an Geld. Die Tamarau-Anlage ist jetzt ein Ponyreitplatz für Kinder. Wohin die seltenen Tamaraus gekommen sind, weiss niemand. Tamarau (Anoa mindorensis) heisst der kleine Zwergbüffel, der nur in den Urwäldern der Insel Mindoro vorkommt. Die Tage der letzten Tamaraus in der Wildnis scheinen gezählt, wenn es nicht gelingt, einen wirksam überwachten, grossen Nationalpark auf der Insel einzurichten. Illegales Abholzen der Wälder und die Wilderer haben dieses einzigartige Wildtier an den Rand des Aussterbens gebracht.

Um halb vier Uhr begleiten Adrian und ich Anna-Maija zum International Airport. Das Check in ist bald erledigt. Sie wird Ostern zuhause feiern, während wir mit dem Taxi an die Tunisia Street in Paranaque zu Familie Locher fahren. Christoph und seine Frau Taj haben uns zu einem feinen Shrimp - Dinner eingeladen. Um 8 Uhr fahren wir wieder in die Galvani Street zurück, wir müssen ja mitten in der Nacht zum Flughafen. Samar wartet!!

Fortsetzung/Continue: Samar Island


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