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Ostküste von Sibutu


Karte der Inselgruppe Sibutu
Unser Camp befand sich beim roten Punkt nordwestlich vom Sibutu Hill. Das Dorf Talisay liegt etwa 5 km nordwestlich unseres Hauptlagers, der Hafen ist bei Si Butu. Die kleine Insel Sitangkai findet man südlich von Tumindao Island.


Die Libellenfauna von Sibutu
Fischer von Sibutu Toilettenhäuschen bei Talisay


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Insel Sibutu


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12. Juni 1990, und schon wieder hiess es, das Expeditionsgepäck - Schlaf-und Arbeitszelte, Präparationsutensilien, Konservierungsmittel, Fotoausrüstung, Medikamente und anderen Kram zum Hafen schleppen. Da im Bereich des Hafens auch zugleich der Markt abgehalten wird, müssen wir uns den Weg durch die Menge bahnen. Das Schiff, das uns zur Insel Sibutu bringen soll, ist bereits überfüllt. Nachdem wir unsere Siebensachen in einem Hindernislauf über Reissackhaufen, Berge von Kisten und Holzplanken mittschiffs transportiert haben, räumen nette Leute bereitwillig an der Reeling einige Plätze für uns. Das Schiff sieht glücklicherweise ganz vertrauenserweckend aus, fast neu aber noch nicht fertig ausgebaut. Für die Überfahrt bezahlen wir 30 Piso (ca 1.25 US $). Um 12 Uhr mittags löst die Schiffscrew die Leinen und bei prächtigstem Wetter und spiegelglatter See steuert der Kapitän den randvoll beladenen Kahn Richtung Südwesten. Einige Quellwolken im Süden vermögen uns nicht zu beunruhigen. Fröhlich, ja fast ausgelassen ist die Stimmung an Bord, es wird tüchtig gefuttert und getrunken. Wir bedeuten für die Einheimischen eine Art Schauobjekte und Fragen nach dem Woher und Wohin, was wir auf der fernen Insel zu unternehmen gedenken, ob wir Familie und Kinder hätten, prasseln auf uns herein. Zusammen mit unseren Gegenfragen entwickeln sich angeregte Gespräche. Die Idylle hält auch an, als sich das Meer zu kräuseln beginnt und die jetzt etwas grössere Wolkenfront von schneeweiss langsam nach zu grau wechselt. Um etwa 2 00 Uhr verändert sich die Situation schnell und dramatisch. Die jetzt schwarze Wolkenwand baut sich bedrohlich auf und der Wind nimmt markant zu, Blitze zucken, der mächtige Donner verängstigt vorerst die Kinder, die sich, Schutz suchend, in den Schössen ihrer Mütter verkriechen. Das Kräuselmeer verwandelt sich mit den aufkommenden orkanartigen Böen langsam in ein überdimensionales Waschbrett. Die ersten Brecher schlagen über die Bordwand und der Wind heult durch das beidseitig offene Deck. Die Passagiere sind jetzt ruhig geworden, die dunkel nussbraunen Philippinos werden blasser und blasser, die Wellen gross und grösser. Als nun auch die schweren Gewitterwolken ihre Last in Form eines tropischen Platzregen entledigen, startet das grosse Füttern der Fische, Reelingplätz dafür sind jetzt begehrt. Ältere Frauen und Männer, wohl allesamt Landratten kauern am Boden und beten, Christen bekreuzigen sich, die Kinder wimmern leise in den Armen der schlotternden Eltern. Eben noch im Wellental, reisst eine Riesenwelle das Schiff wieder auf den Wellenberg. Der Bug bohrt sich in die gewaltige Wasserwand und wie ein Sturzbach fegt die Woge über das Deck hinweg. Alles was nicht festgezurrt ist, schwimmt jetzt in einem heillosen Durcheinander auf dem Deck. Wir klammerten uns an Gepäck und Reeling, damit wir nicht mitgespült werden. Ich mache mir Sorgen wegen der teuren Fotoausrüstung, die in den Sturzbächen unterzugehen droht. Es wird langsam ungemütlich. Die Durchsagen über Megaphon, der Kapitän hätte alles im Griff, vermögen die Seekranken nicht zu beruhigen. Auch mein sonnenverbranntes Gesicht ändert seine Farbe in ein Fahlgrün, ich bin zum Chamäleon geworden. Nicht die Angst vor dem Kentern des Schiffes ist die Quelle des Übels, nein, es ist mein rumorender Magen, der sich vertrauensvoll an das Zwischenhirn wendet, was zu tun sei, da kommt auch schon die Notlösung von eben diesem Organ – sofort entleeren – und zwar nach oben! Und der Magen reagiert sofort und gehorsam, die Fische danken dafür, das Fahlgrün weicht einem Lehmgelb. Ebenso schnell wir der Spuk begonnen hat, verabschiedet sich die Gewitterfront samt Sturm, nur noch ein dichter Landregen begleitet uns, bis wir um 15.30 Uhr sicher, aber tropfnass, unser Reiseziel, die Hafenmole von Si Butu, unweit des Dorfes Talisay, erreichen. Allerdings verlangt dann das Abladen des Gepäcks einige Anforderungen an mein noch immer leicht gestörtes Gleichgewicht, über regenglitschige, schwankende, schmale Planken balancieren wir unsere Habseligkeiten vom Schiff auf den Anleger. Freundlich werden wir vom Polizei-Sergeanten des Dorfes Talisay empfangen und mit dem vollbeladenen Jeep fahren wir zu seinem Haus. Mit einem reichhaltigen Dinner schlossen wir den ereignisreichen und abenteuerlichen Tag ab.

Hier lässt sich vielleicht noch eine Bemerkung über die normale Entsorgung von Überresten der Verdauung einflechten. Diese elegante und saubere Art, sich unerwünschter Resultate üppigen Essens zu entledigen, hat mich doch etwas beeindruckt. Kleine, luftige, oben offene Toilettenhäuschen auf Stelzen, durch einen schmalen Steg mit den Nippahütten verbunden, stehen ausserhalb des Wohnbereiches im Meer. Die meisten schmückt ein an einer langen Stange befestigter Vogelbrutkasten. Welch erhabenes Gefühl, auf dem luftigen Thron zu sitzen, über sich den blauen Himmel und die eifrigen Vögel und unter sich die wogende See mit ihrem vielfältigen Leben. Dieses „Leben“ wird sich sofort intensiv mit den Dingen beschäftigen, die uns so unnütz erscheinen.



Kaban Kaban


Nach kurzem aber erquickendem Schlaf ruft auch schon der Mullah zum Gebet. Auch die Hähne, Hühner und Hunde, die unter unserer Hütte geschlafen haben, kommen dieser Aufforderung sofort nach. Das muntere Morgenkonzert, es ist ja um 4.30 Uhr immer noch dunkel, vermag auch den verwöhntesten Musikfan nicht zu begeistern. Die ganze Dorfbevölkerung ist fast schlagartig wach und fröhliches, aber unverständliches Geplapper, macht die müden Geister munter. Der Kaffee ist bereits fertig und schmeckt ausgezeichnet, sein Duft mischt sich mit Rauch, einem Hauch von Meer und Undefinierbarem, das Dorf ist jetzt mit Leben erfüllt. Nach einem üppigen Frühstück, die Frau des Polizei-Sergeanten tischt uns Fisch, Hühnchenfleisch, Krabben, Gemüse und natürlich obligaten Reis auf, beladen wir den Pickup und dann geht es los zum Kaban Kaban, unserem Hauptcamp für die nächsten 3 Wochen. Zuerst geht's auf Feldwegen, vorbei an Nippahütten, die meist in einem kleinen Hain mit Kokospalmen stehen. Ausserhalb des Dorfes sehen wir den Militärflugplatz mit den barackenartigen Soldatenunterkünften. Es ist dies der südlichste Stützpunkt des philippinischen Militärs. Hier beginnt auch die Betonstrasse, die schnurgerade einige Kilometer nach Süden führt, unter anderem auch am Camp Kaban Kaban vorbei. Wir fahren durch ein Waldstück, Sekundärwald, und sind auch schon beim grossen Wasserloch namens Kaban Kaban, angelangt. Um diesen Weiher herum finden wir eine grosse Lichtung mitten im Wald. Hier schlagen wir unsere Zelte auf und verstauen darin unser Notwendigstes. Unter meinem Arbeitszelt richten mir die einheimischen Helfer einen praktischen Tisch aus herumliegenden Brettern ein.

Die Insel Sibutu ist etwa 27 km lang und 5 bis 6 km breit. Sie ist flach und ragt nur einige Meter aus dem Meer. Der Untergrund besteht aus sehr porösem Korallenkalk, wohl ein ehemaliges Korallenriff. Überall findet man teils sehr tiefe, verzweigte, höhlenartige Löcher, an deren Rändern man die ehemalige Korallenstruktur noch deutlich erkennen kann. Bei Kaban Kaban treten die grösste Höhle und ein sehr tiefgründiges Wasserloch zutage. Gefüllt ist es mit reinem Süsswasser. Kleinere und sehr tiefe Löcher weisen oft ein Reservoir mit relativ kühlem Regenwasser auf. Dieses wird von den Einheimischen als Trinkwasser sehr geschätzt. Allerdings muss es aber abgekocht werden, da sich darin gelegentlich auch Mückenlarven entwickeln. Etwa ein Kilometer südwestlich unseres Camps liegt der Sibutu Hill, 137 Meter ragt er über die Meeresoberfläche. Er sieht aus wie ein aufgeschütteter Hügel aus abgerollten Steinen. Sie bestehen aus einem Magnetitkonglomerat. Einige dieser Steine weisen einen Durchmesser von 4 und mehr Metern auf.

Ursprünglich war die Insel mit Regenwald bedeckt, wir schätzen jetzt die Fläche des schon sehr stark geschädigten Primärwaldes auf maximal 2 bis 3 km2. Er steht rund um den Sibutu Hill. Der Rest der Insel ist mit Kokospalmen und Krüppelbusch sowie etwas Sekundärwald bewachsen. Das Bild rechts zeigt eindrücklich die grobporige Struktur des Untergrundes und verdeutlicht die heutige Situation. Schon nach wenigen Wochen ist die Humusschicht erodiert und kaum noch ein Krümchen Erde ist auf dem Korallenuntergrund geblieben.

Kaban Kaban ist an den Wochenenden eine Art Vergnügungspark für die einheimische Bevölkerung und die wenigen Soldaten des Militärstützpunktes. Besonders am Sonntagnachmittag bevölkern Dutzende die grosse Waldwiese und erfreuen sich an Bad, Spiel und Barbeque. Als seltene Gäste aus Übersee bilden wir eine zusätzliche Attraktion, die man unbedingt „gesehen“ haben muss. Alle wollen sie erfahren woher wir kommen, was wir hier suchen. Wenn ich unter meinem Shelter Insekten fotografiere, bestimme, präpariere und verpacke, bin ich stets von einigen neugierigen Insulanern umringt. Gross und Klein schäckert, kichert und staunt über die für sie so fremdartige Beschäftigung.

Sehr häufig, aber ausserordentlich scheu, sind wilde Bartschweine und Makaken. Erstere sehen oder hören wir jeden Tag und bei den Streifzügen durch den Wald stossen wir auch oft auf frische Suhlen. Eines Tages bringen uns die Jäger ein frisch geschossenes Tier und bieten es zum Verkauf an. Eine willkommene Abwechslung auf unserem recht eintönigen Menuplan. Wir kaufen das ganze Schwein für 160 Piso. Die Einheimischen, meist Muslims, essen kein Schweinefleisch, darum ist es fast unverkäuflich. Dafür müssen wir auf dem Markt oder bei den Bauern für ein Huhn etwa 70 bis 80 Piso bezahlen.

Am Abend schon brutzelt ein schönes Lendenstück in der Pfanne, unser Freund und langjähriger Begleiter und Guide, „Dodong“ Theobaldo Borromeo hat es „adobo“ gekocht. Er ist ein ausgezeichneter Koch und ein unerreicht guter Waldläufer und Naturkenner. Fast sein ganzes Leben verbrachte er forschend und sammelnd in seinen geliebten philippinischen Urwäldern. Den grössten Teil des Schweines schneidet Dodong in dünne Plätzchen und trocknet sie im Schatten, er wird das Trockenfleisch zu seiner Familie nach hause bringen.

Der angenehme Duft des Fleisches ruft dann eine wilde Zibethkatze (Viverra tangalunga Gray) auf den Plan. Des nachts vergreift sie sich am kostbaren Fleisch, was dann wiederum Dodong sehr ärgert, als er am Morgen den Diebstahl bemerkt. Die Schreie mitten in der Nacht sind schrill und ordinär, ich bin sofort auf den Beinen um nach der Ursache der nächtlichen Störung zu sehen, da kommt mir auch schon Dodong entgegen. Freudenstrahlend streckt er mir die toten Zibethkatze entgegen. Er hatte sie mit einer Schlingenfalle gefangen. Das Fleisch der Katze kam dann am nächsten Tag „adobo“ auf den Tisch, dazu als besondere Delikatesse ein Gericht aus Pilzen, die auf Holz wachsen. Abwechslung muss sein – das Menu schmeckt vorzüglich. Dodong, der vielseitige und perfekte Koch kennt alle Köstlichkeiten, die ein Urwald in seiner Fülle bietet.

Schlangen Echsen und Frösche gehören nicht auf unseren Speisezettel, aber wir bekommen viele interessante Arten zu sehen, die auch der aufmerksame Urwaldwanderer sonst nie beobachten kann. Frau Dr. Maren Gaulke, die beste Kennerin der philippinischen Herpetofauna weiss diese Tiere in ihren Schlupfwinkeln zu finden. Nie haben wir gefährliche Situationen mit Schlangen erlebt, sie sind sehr scheu und verkriechen sich bei geringsten Störungen im Unterholz oder in den Büschen.

Die Makaken werden mit jedem Tag frecher und nähern sich unserem Camp, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Sie stehlen alles was ihre Aufmerksamkeit weckt und suchen vor allem nach Essbarem. So „behändigten“ sie gelegentlich auch einige Fleischstücke aus Dodongs Wildschwein-Depot. Sobald man auf die Horde zurennt, flüchten die Affen mit gewaltigen Sprüngen in die Kronen der Bäume und wir sind sie dann für einige Stunden los.

Das Wetter auf Sibutu ist feucht und heiss. Es regnet fast jeden Tag, meistens nur kurz, aber heftig. Besonders nach Regengüssen, wenn die Sonne auf die triefendnasse Vegetation brennt, steigt die Luftfeuchtigkeit auf ein fast unerträgliches Mass und wirkt wie eine Sauna. Dies wiederum begünstigt das Wachstum der Pflanzen und diese bilden dann die Grundlage für eine vielfältige Tierwelt. Die sonnigen Abschnitte nutze ich, um die Libellen (Odonata) und Vögel zu beobachten. Die Insel weist einige endemische Formen auf. Leider werden diese unwiederbringlich verschwinden, wenn die letzten Urwaldbäume geschlagen sind, es ist absehbar, wann dies geschehen ist. Jeden Tag hören wir die Motorsägen das Lied vom Tod des Regenwaldes singen. Aber das interessiert den Rest der Welt und auch die Artenschutzkommission ja auch nicht. Mit dem Artenschutzgesetz haben die hochintelligenten Bürotheoretiker ja das Ei des Kolumbus erfunden und damit den Dreh, Schatzgräber auf dem Sibutu Hillwie man die Tiere vor dem Aussterben schützen kann. Sie tauschen lieber Wale gegen Elefanten, der Schutz des Waldes berührt sie nicht, diese Materie ist zu kompliziert und wenn die Wälder verschwunden sind, hat man ja noch immer die Artenlisten der Verblichenen.

Auch ein längeres Lagerleben hat ein Ende und somit müssen wir am Montag, 2. Juni 1990 unsere Zelte abbrechen. Es heisst Abschied nehmen von Sibutu und den vielen lieben und hilfsbereiten Menschen, die schon Freunde geworden sind. Die Hiobsbotschaft erfahren wir im Dorf Talisay. Wegen eines Feiertages der Muslims fällt das offizielle Kursschiff von Sibutu nach Bongao aus. Nach langem Suchen und Verhandeln finden wir einen Fischer, der uns mit seinem kleinen Auslegerboot zur Insel Sitankai, ganz im Südwesten von Sibutu gelegen, fährt. Dort erreichen wir die „Doña Isabel“, die von Sitankai über Bongao und Jolo nach Zamboanga fährt. Diesmal ist das Glück uns hold. Die See ist fast spiegelglatt, das übervoll beladene Boot hätte auch einen mittleren Wellengang nicht überstanden. Um 16.00 Uhr werden wir von vielen Freunden mit fröhlichem Winken verabschiedet. Wir passieren den bis 100 Meter tiefenTumindao Channel, der das Tumindao-Atoll von Sibutu trennt und erreichen ohne Zwischenfälle den Anleger bei Sitankai um 16 30 Uhr. Leider bleibt uns keine Zeit, das berühmte Dorf und Piratennest Sitankai zu besuchen. Die „Doña Isabel“ trifft um 17 45 Uhr ein und wir können uns auf dem Schiff gemütlich einrichten. Gegen 23 Uhr verlassen wir Sitangkai und legen im Hafen von Bongao um 03.20 Uhr an. Aus Sicherheitsgründen müssen wir bis Tagesanbruch an Bord bleiben und dislozieren dann zum Southern Inn.

Im PAL (Philippine Airline)-Office erfahre ich, das der Flugplatz wegen Pistenproblemen einige Tage geschlossen bleibt und nicht angeflogen werden kann. Für mich eine Horrorvorstellung, denn das heisst, dass ich alleine mit dem umfangreichen Gepäck auf der Doña Isabel nach Zamboanga fahren muss, da meine Freunde noch einige Tage im Sulu Archipel bleiben werden. Wegen der Muslim-Feiertage ist das Schiff nicht überbesetzt und ich erhalte problemlos ein Ticket nach Zamboanga.



Fortsetzung/Continue: Jolo




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